Der informative Blog, Teil 12: Kampfrichter beim DBFV – Ein Blick hinter die Kulissen.

 

Wer mich kennt, der weiß, dass ich schon viele der zahlreichen Facetten des Wettkampfbodybuildings erleben durfte:

  • anfänglich als reiner Fan
  • aktive Athletin
  • Orgateam und Helferlein bei Meisterschaften
  • Betreuer/Coach
  • „rasende Reporterin“ für Team Andro
  •  mit viel Glitzer und Herzblut zur „Bikini Queen“ mit Posing und Bikinis 
  • und nun der Schritt hinter den Kampfrichtertisch.

Ich habe mir selbst und dem Sport immer versprochen: Wenn die Zeit mit Team Andro einmal vorbei ist, mache ich meinen Kampfrichterschein.
Das war dann Anfang 2016 mit der theoretischen Prüfung so weit. Es folgten zwei praktische Prüfungen (Probewertungen).

 

Mit der Unterstützung unseres Bundeskampfrichterreferenten Michael Enzo König möchte ich nun meinen Blog nutzen, um Euch auch zu diesem Bereich des DBFV etwas „Informatives“ zu schreiben.

Auch ich habe schon im Publikum gesessen und mich über Entscheidungen gewundert, konnte es nicht nachvollziehen. Ganz oft lag das aber daran, dass ich schlicht zu wenig über das System wusste.
Wie entsteht so eine Wertung, was steckt dahinter, wie läuft das überhaupt ab.

Die Grundlagen für die Wertung

Auf der Homepage des DBFV finden sich für jede Klasse die Wettkampfregeln.

http://dbfv.de/wettkampfregeln/

Diese enthalten u.a. die Bewertungsrichtlinien.
Zitat für die Bikini-Fitness Klasse:

Bewertungsrichtlinien:
Symmetrische Körperform, Proportion, weibliche Ästhetik, Frisur, Make up, sportive, feminine Gesamterscheinung.
Eine gute Form ist relevant, Muskulosität oder Definition sind keine Wertungskriterien.

Wie der Name es schon sagt – es sind nur „Richtlinien“.
Anders als beim Weitsprung, wo man bequem nachmessen kann, wer den besten (=weiteste) Sprung gemacht hat, gibt es beim Bodybuilding eine an Richtlinien orientierte Wertung. Und diese ist niemals ganz frei vom persönlichen Geschmack.
Das gilt für das Line Up und die sogenannten Vergleiche als auch für die Kür.

Im klassischen Männer-Bodybuilding ist es leichter, aber gerade die neueren Klassen verlangen einiges auch von den zum Teil langjährigen Kampfrichtern ab.
Ich beschäftige mich quasi seit Tag 1 mit der Bikiniklasse. Und weiß doch nicht immer, wer gewinnen sollte und wer ggf. zu viel/zu hart ist. Gleiches gilt für die Figurklasse, die Frauen Physique und auch die Men’s Physique.
 
Und bitte glaubt mir: Es ist noch einmal etwas ganz anderes im Publikum zu sitzen und mit den Sitznachbarn zu fachsimpeln, wer denn Erster oder Zweiter wird als dort vorn am Tisch zu sitzen und binnen Sekunden zu entscheiden über „hop“ oder „top“ bzw. dabei jeden Platz vom 1. bis zum 15. nach bestem Wissen und Gewissen zu platzieren.
All das unter großem Zeitdruck, damit die Meisterschaften nicht zu lange werden für die Zuschauer und wartenden Athleten.

Die Wertung vor Ort

Die Wertung beginnt in dem Augenblick wenn die Athleten die Bühne betreten.
Und sie endet erst dann, wenn sie die Bühne verlassen.

Zitat Erich Janner:
„Es gewinnt der- oder diejenige mit den wenigsten Schwächen bzw. Fehlern“

Heißt: Welcher Athlet auf der Bühne ist derjenige mit den wenigsten Schwächen?
Perfekte Athleten gibt es höchst selten, daher schaut man auf das „Gesamtpaket“. Unter Berücksichtigung der Bewertungskriterien jeder einzelnen Klasse.
Deshalb siegt auch nicht immer derjenige mit der größten Härte (auch wenn alle immer darauf achten: Härte erscheint im Regelwerk nicht als alleiniges Wertungskriterium) oder der meisten Muskulatur, sondern oftmals derjenige mit dem besten Paket.

Dabei gibt es einige Faktoren, die den Gesamteindruck stören können:
Großflächige Tätowierungen z.B. machen es leider schwierig, die Muskulatur und Form richtig erkennen zu können.
Extreme Hautunreinheiten können zu einem Punktabzug führen, ebenso ein „Zuviel“ an Körperfett, übertriebene Grimassen, fehlerhaftes Einnehmen von Grundstellungen oder Grundposen oder unsportliches Verhalten.

Das System

Auch hierzu stehen einige Details in den Wettkampfregeln, wieder im Beispiel Bikini Fitness:

4. KAMPFGERICHT UND AUSWERTUNG
Das Kampfgericht kann aus 5, 7 oder 9 Kampfrichterinnen u. Kampfrichter bestehen.
Jede Teilnehmerin erhält gemäß den Bewertungskriterien pro Runde von den Kampfrichtern eine Platzziffer.
Für einen 1. Platz die Platzziffer 1, für einen 2. Platz die Platzziffer 2 usw.
Die höchste und niedrigste Platzziffer wird gestrichen (bei 9 Kampfrichtern die zwei höchsten- und niedrigsten Platzziffern) und die verbleibenden addiert. Die Teilnehmerin mit der niedrigsten Platzziffer ist Siegerin.

Das wollte ich mal etwas ausführlicher erklären:

Generell gibt es 2 (3) Wertungsrunden:

  1. Vorwahl; evtl. eine Eliminationsrunde bei mehr als 15 Startern
  2. Vergleiche im BB (zählt doppelt im Finale am Abend, 2/3) oder das Finale bei den Klassen ohne Kürvortrag 
  3. Kür (zählt 1/3)

Die Punkte aus der Vorwahl werden nicht mit ins Finale genommen, hier geht es einzig um den Einzug ins Finale. Trotzdem müssen alle Athleten gewertet werden. D.h. Ihr müsst direkt entscheiden wer Platz 6 und wer Platz 13 hat.
Je nach Klasse ist das einfacher oder schwerer.

Zurück zum Kampfgericht:
Auf einer regionalen Meisterschaft besteht es meistens aus 5 Kampfrichtern.
Von diesen 5 Kampfrichtern kommen 5 Wertungen.

Das ist relativ einfach:
Wenn der Kampfrichter einen Athleten auf Platz 1 sieht bekommt dieser Platzziffer 1.

Von allen Wertungen werden die Beste und die Schlechteste gestrichen (nach Vorgabe durch den Weltverband). In der Tabelle sind die Streichergebnisse gelb markiert.

Athlet 1: eine 1 und eine 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+1+2 = 5 Punkte.

Athlet 2: eine 1 und eine 2 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+1+1 = 4 Punkte.

Damit liegt Athlet 2 vorne. In diesem Fall wären 3 Punkte die „Idealpunktzahl“.
Auch wenn das nicht zwangsläufig heißt, dass ALLE Kampfrichter den Athleten auf 1 gesehen haben.

 

Auf der Deutschen Meisterschaft gibt es 9 Kampfrichter.

Bei den Deutschen bzw. Int. Deutschen Meisterschaften werden die Kampfrichter durchgewechselt. Zumeist wechseln die Kampfrichter, so dass nicht jeder alle Klassen wertet.
Kampfrichter eins wertet dann z.B. die Vorwahl Bikini 1, aber nicht unbedingt auch das Finale Bikini 1. Die Einteilung hierfür erfolgt erst kurz vor dem Wettkampf durch den Hauptkampfrichter bzw. Bundeskampfrichterreferenten.
Hierbei werden pro Bundesland nicht mehr als zwei Kampfrichter in einer Klasse eingesetzt, die natürlich dann auch nicht nebeneinander sitzen.

Bei 9 Kampfrichtern werden jeweils die zwei besten und die zwei schlechtesten Wertungen gestrichen:

Beispiel:

Athlet 1: eine 1, eine 2, und zwei 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+2+3+3+2 = 12 Punkte.

Athlet 2: zwei 1 und zwei 2 werden gestrichen.
Verbleiben: 1+1+1+1+1 = 5 Punkte.

Athlet 3: eine 1, eine 2 und zwei 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 3+3+2+2+3 = 13 Punkte.

Damit liegt Athlet 2 vorne.
In diesem Fall mit der „Idealpunktzahl“ von 5 Punkte.

Manchmal passiert es, dass zwei Athleten die gleiche Punktzahl haben.
Dann entscheiden die jeweiligen Platzziffern:

Athlet 1: zwei 7 und zwei 9 werden gestrichen.
Verbleiben: 7+7+8+8+8 = 38 Punkte.

Athlet 2: eine 3, eine 5 und zwei 8 werden gestrichen.
Verbleiben: 8+8+8+7+7 = 38Punkte.

Bei Punktgleichstand entscheidet die Majorität der Kampfrichter.
D.h. sieht man sich alle Wertungen inklusive der gestrichenen Platzziffern im direkten Vergleich an, so erkennt man, dass Athlet 2 insgesamt bessere Platzierungen hatte als Athlet 1.
Daraus ergibt sich dann, dass Athlet 2 trotz Punktgleichstand vor Athlet 1 platziert wird im Gesamtergebnis der Klasse:

Athlet 1  –  Platz 8
Athlet 2  –  Platz 7

 

Allgemeine Gedanken

Da ihr nun das Wertesystem kennt werdet ihr auch erkennen, dass es damit nicht möglich ist, dass ein Coach im Kampfgericht seinen Athleten „bevorteilen“ kann.
Wenn er alleine Euch auf 1 sieht, wird diese Wertung gestrichen als bestes Ergebnis, regional als auch bei der DM.

Ein Pushen ist also durch die Streichregelung definitiv ausgeschlossen.
Die dazu notwendigen Absprachen zwischen Bekanntwerden der zu wertenden Klassen, evtl. „Mauscheleien mit anderen Kampfrichtern“ und dem Wettkampfbeginn sind absolut unrealistisch.

Durch die Regelung mit maximal zwei Kampfrichter pro Landesverband in einer Klasse kann auch der gelegentliche Vorhalt von „Landeswertungen“ entkräftet werden.

Die ersten Vergleiche laufen rein numerisch ab, danach werden diejenigen zum ersten Vergleich nach vorne gerufen, die aus dem Mittelmaß der Kampfrichterwünsche die meisten Stimmen haben. Auch hier gibt es keinen Spielraum für „Mauscheleien“.

Nach einigen Starts ist ein Athlet sicherlich „bekannter“. Ein mehrfacher Deutscher Meister oder gar Weltmeister wird aber auch dank seiner Bühnenerfahrung und dadurch bedingter starker Präsenz nicht „übersehen“.
Dennoch gilt für alle Athleten: Das Paket am Wettkampftag entscheidet. Nicht das vom Dezember 2014.

 

Generell bitte ich Euch den Blick dafür zu öffnen, was ein Kampfrichter eigentlich ist:

Jemand, der sich aus Liebe zum Sport ehrenamtlich in seiner Freizeit der schwierigen Aufgabe stellt Athleten innerhalb weniger Minuten zu bewerten.

Ich mache das ehrenamtlich, investiere aber auch jede Menge Zeit, Herzblut und mehr.
Und all das tue ich, um den Sport aktiv zu unterstützen.
Selber dabei mitzuwirken, dass die Richtlinien genauer werden, die Wertungen transparenter und auch für alle Beteiligten nachvollziehbar.
So funktioniert Ehrenamt – durch den Einsatz für den Sport, den wir lieben. Und ich bin stolz drauf.

Ohne Athleten gibt es keine Meisterschaften, aber ohne Kampfrichter gibt es ebenfalls keine Meisterschaften bzw. allgemein gesehen keinen Wettkampfsport.

 

Wenn Ihr noch Fragen habt stellt sie gerne.
Gemeinsam mit der Hilfe von Michael Enzo König versuche ich alles zu beantworten was dieses Thema angeht.
Ich werde dann hoffentlich ab 2017 als Kampfrichterin offiziell für den Landesverband Schleswig-Holstein werten dürfen.

 

Eure Nixe Sabrina