Der informative Blog, Teil 14: Verbände in Deutschland – Unterschiede und Hintergründe

Quelle: https://pixabay.com

 

Wer, wie, was, wann, wo, warum???
Immer wieder stehen junge Frauen und Männer vor der Frage: Welchen Verband soll ich wähle? Und welche Unterschiede gibt es dabei? 

Ähnlich wie beim Boxen gibt es für Bodybuilding-Begeisterte quasi die Qual der Wahl. 

Allein in Deutschland sind aktuell diverse Verbände aktiv, aber wenn man den Blick noch weiter öffnet ins Ausland gibt es noch mehr Alternativen. 

 

Als Einstieg möchte ich zunächst kurz auf die Ursprünge des Wettkampf-Bodybuildings eingehen: 

Die Geschichte des Bodybuilding 

Grabmalereien, die man in Ägypten entdeckte, deuten darauf hin, dass Bodybuilding schon vor Jahrtausenden betrieben wurde. Auf den Malereien sollen ägyptische Frauen und Männer bei einer Art Krafttraining zu sehen sein, welches auf Grund der verwendeten Hilfsmittel durchaus mit dem heutigen Bodybuilding zu vergleichen ist. In Europa verfügten die Völker des heutigen Griechenlands schon vor ungefähr 4000 Jahren über ein eindrucksvolles Wissen rund um die Beschaffenheit des menschlichen Körpers und seinen Muskeln. In speziell errichteten Trainingsanlagen, den so genannten Gymnasien, betrieben die griechischen Athleten Kraftsport und Bodybuilding, um sich auf bevorstehende Wettkämpfe vorzubereiten. Für ihr Training verwendeten sie, genau wie die Bodybuilder heute, verschiedenste Gewichte und Hanteln.

Wohl der Grundstein des modernen Bodybuilding-Wettkampfes: 

Der 1867 geborene Friedrich Wilhelm Müller, alias Eugen Sandow, übernahm die Vorreiterrolle des Kraftsports, insbesondere des Bodybuildings.
Müller trat in ganz Europa in Bühnenshows auf, wo er Eisenstangen verbog und ein Elefantenbaby und ein Pferd stemmte. Diesen Aufführungen verdankte der Kraftsport seine schnell zunehmende Popularität. Am 14. September 1901 veranstaltete Sandow in London unter dem Titel „The Great Competition“ den ersten großen Bodybuilding-Wettbewerb.
Eugen Sandow mimte vor Fotografen die Posen antiker Statuen. Mehrere Posen Sandows blieben erhalten und werden bis heute an Bodybuilding Wettkämpfen gezeigt. (Quelle)

 

…auch damals in Ägypten waren schon Frauen dabei – jawohl!

Wir erleben gerade wieder einen enormen Fitness-Boom. 
Sowohl, was den Breitensport angeht, als auch bezüglich des Wettkampfsportes. Immer neue Klassen sorgen dafür, dass auch immer mehr Starter die Bühne betreten. 

Wie viele von Euch vielleicht wissen, bin ich ein „IFBB“-Mädchen, d.h. ich bewege mich seit Jahren in dem Umfeld des DBFV, bin selber dort gestartet, habe Athleten betreut und vorbereitet, von Wettkämpfen berichtet und werde in dieser Woche meine erste Meisterschaft als Kampfrichterin bewerten. 

Das bedingt, dass ich mich wohl ziemlich gut mit dem DBFV (IFBB) auskenne, aber ich blende die anderen Verbände nicht aus. 
Beim NAC Germany war ich mehrfach als Zuschauer und Betreuer, kenne auch Starter privat. 
Was die übrigen Verbände angeht verfüge ich leider nicht über persönliche Erfahrungen, ich habe mich aber bemüht für Euch einige Infos zusammenzutragen. 

 

Die verschiedenen Verbände

Es gibt in Deutschland derzeit Meisterschaften folgender Verbände: 


DBFV
Deutscher Bodybuilding- und Fitness-Verband e.V. (IFBB)

 

 

NACG National Athletic Committee Germany (NAC International)

 

NBBUI Germany (ehem. Teil der WABBA, mittlerweile selbständig)

 

 

DFFV / WFF Germany (ausgegründet aus der NABBA – gehört zur WFF World Fitness Federation und NABBA International) 

 

GNBF German Natural Bodybuilding & Fitness Federation e.V.

(noch) nicht in Deutschland aktiv: 
WBFF World Beauty Fitness and Fashion Inc.

 

Einige der Verbandshistorien sind etwas tricky, viele Verbände sind als „Splittergruppen“ durch Ausgründung von ehemaligen Mitgliedern entstanden, immer mit dem Ziel, die Dinge anders zu machen.  

Entstehungsgeschichte (ein kleiner Exkurs)

(Quelle)

Bis 1940 war die Bodybuildingszene unter der Kontrolle der AAU Amateur Athletic Union.
1946 gründeten die Brüder Ben und Joe Weider den Verband IFBB International Federation of Bodybuilders. Sie waren der Ansicht, dass der AAU nur an der Vermarktung des Gewichthebens interessiert waren und wollten das Bodybuilding voranbringen. 

1969 wurde der IFBB Mitglied des GAISF (heute Sportaccord) und gehört heute zu den größten Sportorganisationen der Welt (z.Z. 192 Mitgliedsstaaten). 

19 Jahre nach Gründung des Verbandes fand als Profi-Wettkampf der IFBB der erste Mr. Olympia statt. Larry Scott durfte sich am 19. September 1965, in der Brooklyn Academy of Music (New York City), in einer Halle ohne Stühle, vor einer kleinen eingeschworenen Fangemeinde, als erster in die Geschichtsbücher der IFBB eintragen lassen. (Quelle)

Der NABBA-Mr. Universe ist der bedeutendste und traditionsreichste Mr. Universum- Wettbewerb im Bodybuilding. Er wird seit 1950 von der NABBA National Amateur Bodybuilders Association ausgetragen und galt jahrelang als inoffizielle Weltmeisterschaft. Zahlreiche Stars früherer Tage wie John Grimek, Steve Reeves, Reg Park oder Arnold Schwarzenegger begründeten ihre internationale Karriere mit dem Gewinn des damals angesehensten Titel im Bodybuilding. Ab Ende der 1960er Jahre verlor der NABBA-Mr. Universe mit Erstarken des Konkurrenzverbandes IFBB und der damit verbundenen Etablierung neuer Wettbewerbe wie dem I.F.F.B.-Mr. Olympia und dem I.F.F.B.-Mr. Universum stetig an Prestige.
Seit 1984 führt die NABBA neben dem Mr. Universe verbandseigene reguläre Weltmeisterschaften durch.
In Deutschland gibt es derzeit keinen NABBA-Bundesverband, aber im Nachbarland: NABBA Austria .  (Quelle)

Der Deutsche Bodybuilding- und Fitnessverband e.V. wurde 1966 gegründet (DKV), 1979 neu konstituiert (DBKV) und ist mit Abstand die größte und traditionsreichste Bodybuilding-Organisation in Deutschland. Zu den Gründungsmitgliedern der 1966 als Deutscher Kraftsport-Verband entstandenen Organisation, zählen unter anderem Albert Busek und Arnold Schwarzenegger.
Der DBFV e.V. und seine angeschlossenen 15 Landesverbände organisieren seit Gründung regionale, nationale und internationale Meisterschaften. Termine findet ihr hier.
Der DBFV e.V. ist als einziger nationaler Verband seit 1977 dem Welt-Dachverband IFBB (International Federation of Bodybuilding and Fitness) und seit 2002 dem Europäischen Verband EBFF (European Bodybuilding and Fitness Federation) als Mitglied angeschlossen. (Quelle)

Speziell für den Fitnessbereich gründete die NABBA International im Jahre 1990 die WFF World Fitness Federation, hier Deutsche Fitness und Fitnessmodelverband e.V. (DFFV). (Quelle) Derzeit gibt es die Deutsche Meisterschaft, 2017 in Kulmsbach/Bayern, sowie eine German Open in Bayern.

Der NACG wurde 1999 in Köln mit dem Ziel gegründet, einen athletenfreundlichen und von demokratischen Strukturen geprägten deutschen Dachverband für Fitness, Athletik und Bodybuilding in Konkurrenz zum bereits seit 1966 bestehenden DBFV zu etablieren. Er besteht aus vier Landesverbänden (Nord, Ost, Süd, West) und veranstaltet neben vier regionalen Meisterschaften auch Deutsche Meisterschaften. (Quelle)

Die German Natural Bodybuilding & Fitness Federation e. V. (kurz GNBF) wurde am 1. März 2003 in Hamburg gegründet und fördert das dopingfreie Bodybuilding. Derzeit finden Deutsche Meisterschaften statt, 2017 in Bayern und NRW.  (Quelle)

Die WBFF World Beauty Fitness and Fashion Inc. wurde 2007 vom ehem. IFBB-Profi-Bodybuilder Paul Dillett gegründet. Auch dieser Verband zielt eher auf die Fitnesssparte, auch im Hinblick auf Modelljobs, ab. Der Verband ist weltweit aktiv, die Worlds finden derzeit in London statt. (Quelle)

Seit Anfang 2017 gibt es in Deutschland die NBBUI (eine Ausgründung aus der WABBA Germany). Die näheren Details zur Gründung findet ihr hier: Quelle 
Die Deutschen Meisterschaften finden 2017 in Erfurt und Pfungstadt statt. 

Nun wisst ihr ungefähr, wie die Verbände entstanden, wo die Ursprünge sind und habt auch eine Vorstellung davon, wie die regionale Verteilung bzw. Schwerpunkte innerhalb Deutschlands die jeweiligen Verbände haben. 

 

Und nun?

Eins haben alle Verbände gemeinsam: Sie alle geben an, dass sie zum Wohle der Athleten gegründet wurden, demokratisch und athletenfreundlich agieren. 

 

ge·me̱i̱n·nüt·zig

Adjektiv

  1. so, dass es nicht auf Gewinn ausgerichtet ist, sondern dem allgemeinen Wohl dient.

    „ein gemeinnütziger Verein“

 

Auszug Satzung DBFV:

§ 1 Name und Sitz
Der Verband führt den Namen Deutscher Bodybuilding- und Kraftsportverband.
Er ist nicht auf Gewinn ausgerichtet und auf demokratischer Grundlage aufgebaut. 

 
§ 2 Zweck
Der Verband hat zur Aufgabe, nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit und unter Ausschluß von parteipolitischen, konfessionellen, beruflichen, rassischen und militärischen Gesichtspunkten den Sport zu fördern. Dieser Zweck wird wie folgt erreicht :

  1. Die Förderung von Bodybuilding und Kraftsport.
  2. Die Förderung sportlicher Tätigkeit mit Widerstand (Gewichten)- Geräten und Gymnastik     im Ausmaß medizinischer Empfehlung – im Sinne des Fitness-Sportgedankens.
  3. Die Förderung sportlicher Tätigkeiten mit Gewichten und Geräten zur Entwicklung von Kraft für verschiedene Sportdisziplinen und Kraftleistungswettkämpfe.
  4. Die Forschung und Entwicklung der in Punkt 1-3 bezeichneten Disziplinen.
  5. Die Ausrichtung von Veranstaltungen und Wettkampfmeisterschaften mit lokaler,           regionaler, nationaler und internationaler Beschickung.
  6. Werbung und Aufklärung im Sinne sportlicher Öffentlichkeitsarbeit für die betreuten     Disziplinen.

    Der Verband verfolgt diese Ziele ausschließlich und unmittelbar durch eigenes Wirken auf gemeinnütziger Grundlage im Sinne des Abschnittes „Steuerbegünstigte Zwecke“ der Abgabenordnung 1977 (§§ 51 ff. AO).

    Seine Tätigkeit ist selbstlos, er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke. Mittel des Verbandes dürfen nur für die satzungsmäßigen Zwecke verwendet werden. Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen aus Mitteln des Verbandes. Es darf darüber hinaus keine Person durch Ausgaben, die dem Zweck der Körperschaft fremd sind, oder durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigt werden.
    Die Führung eines wirtschaftlichen Geschäftsbetriebes schließt die Steuervergünstigung nicht aus. Erwirtschaftete Gewinne sind aber ausschließlich für satzungsmäßige Zwecke zu verwenden. Die Inhaber von Verbandsämtern (Vorstandsmitglieder) üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus.
    Übersteigen die anfallenden Arbeiten das zumutbare Maß einer ehrenamtlichen Tätigkeit, so kann ein hauptamtlicher Geschäftsführer und das hierfür erforderliche Hilfspersonal eingestellt werden. Für diese Geschäfte dürfen aber keine unverhältnismäßig hohen Vergütungen gewährt werden.

§ 11 Aufbringung und Verwendung der Geldmittel
Die Geldmittel werden aufgebracht durch Beitrittsgebühren, Mitgliedsbeiträge, Erträge aus Veranstaltungen, Spenden und Zuwendungen etc. Die Mittel des Vereines dürfen nur dem Sport dienenden Zwecken zugeführt werden. Sie werden unter anderem für die Aufrechterhaltung des Verbandsbetriebes und für die Ausrichtung von Wettkampfveranstaltungen verwendet. Entsprechend des Umfanges der zu bewältigenden Aufgaben kann vom Vorstand für außerordentliche Leistungen, die der ehrenamtlichen Tätigkeit nicht mehr zugemutet werden können, durch einstimmigen Beschluß eine angemessene
….

 

Quelle

 

Gemeinnützigkeit vereint die vorgestellten Verbände. 

Aber: Jeder muss für sich selber entscheiden, wo er starten möchte. 

Der IFBB bietet die sicher bekannteste Profi-Liga an – der Mr. Olympia ist wohl der größte und bedeutenste Profi-Wettkampf mit diversen Klassen und immensen Preisgeldern.

Auch andere Verbände etablieren nach und nach eigene Profi-Ligen, aber es lässt sich wohl sicher sagen, dass der IFBB durch die Größe und Reichweite die beste Möglichkeit bietet, sich auf Weltniveau zu messen – wenn man das denn dann will. 

Das allein reicht nicht aus, um die Entscheidung zu treffen: Wo starte ich?
Es muss auch die passende Klasse für einen geben. 

 

Die Klasseneinteilungen

Ich werde mich hierbei auf die Klassen für Frauen beschränken, wir sind ja immer noch bei der Eisennixe. 😉

Zunächst die grobe Übersicht für alle Klassen und alle Verbände:

 

Jetzt etwas mehr ins Detail: 

Die Bikini-Klassen

DBFV Bikini-Fitness

DBFV Bikini Wellness (neu in 2017, hier ein internationaler Look bzw. ein erstes Bild der regionalen Meisterschaften)

 

NACG Bikini Shape

 

WBFF Diva Fitness Modell (sicher allen bekannt: Andreia Brazier)

WBFF Diva Bikini Modell

WBFF Commercial Modell

 

NBBUI Miss Beauty (es war schwer, hier Bilder zu finden!)

NBBUI Miss Bikini

 

DFFV Sportmodell

DFFV Bikini

GNBF Bikini

 

Die Figur-Klassen

DBFV Fitness Figur

DBFV Fitness-Leistung

NAC Figur (Quelle Pflichtposen)

 

NBBUI Miss Shape

NBBUI Miss Figur

 

 

DFFV Figur

DFFV Aerobic Fitness

GNBF Figur

muss ich nachreichen

WBFF Diva Figure Model

 

Die Bodybuilding-Klassen

DBFV Physique

 

NACG Bodybuilding

NBBUI Miss Physique

 

GNBF Athletik

© Sportagentur Werner / www.picture4u.de

GNBF Bodybuilding

 

 

Wer interessiert genug war, bis hierhin zu lesen: Danke. 

 

Dieser Blog war einige Arbeit und ich hoffe, das alles hilft ein wenig bei dem ersten Einblick.

Die genauen Regelwerke findet ihr auf den jeweiligen Homepages und es gibt zahlreiche Videos und Fotos online von den Klassen. Viele Verbände bieten auch Seminare an zum reinschnuppern. Am Besten macht ihr euch selber ein Bild, vor Ort, fahrt zu Meisterschaften und dann ab dafür! 

  

Eure Nixe Sabrina

Der informative Blog, Teil 12: Kampfrichter beim DBFV – Ein Blick hinter die Kulissen.

 

Wer mich kennt, der weiß, dass ich schon viele der zahlreichen Facetten des Wettkampfbodybuildings erleben durfte:

  • anfänglich als reiner Fan
  • aktive Athletin
  • Orgateam und Helferlein bei Meisterschaften
  • Betreuer/Coach
  • „rasende Reporterin“ für Team Andro
  •  mit viel Glitzer und Herzblut zur „Bikini Queen“ mit Posing und Bikinis 
  • und nun der Schritt hinter den Kampfrichtertisch.

Ich habe mir selbst und dem Sport immer versprochen: Wenn die Zeit mit Team Andro einmal vorbei ist, mache ich meinen Kampfrichterschein.
Das war dann Anfang 2016 mit der theoretischen Prüfung so weit. Es folgten zwei praktische Prüfungen (Probewertungen).

 

Mit der Unterstützung unseres Bundeskampfrichterreferenten Michael Enzo König möchte ich nun meinen Blog nutzen, um Euch auch zu diesem Bereich des DBFV etwas „Informatives“ zu schreiben.

Auch ich habe schon im Publikum gesessen und mich über Entscheidungen gewundert, konnte es nicht nachvollziehen. Ganz oft lag das aber daran, dass ich schlicht zu wenig über das System wusste.
Wie entsteht so eine Wertung, was steckt dahinter, wie läuft das überhaupt ab.

Die Grundlagen für die Wertung

Auf der Homepage des DBFV finden sich für jede Klasse die Wettkampfregeln.

http://dbfv.de/wettkampfregeln/

Diese enthalten u.a. die Bewertungsrichtlinien.
Zitat für die Bikini-Fitness Klasse:

Bewertungsrichtlinien:
Symmetrische Körperform, Proportion, weibliche Ästhetik, Frisur, Make up, sportive, feminine Gesamterscheinung.
Eine gute Form ist relevant, Muskulosität oder Definition sind keine Wertungskriterien.

Wie der Name es schon sagt – es sind nur „Richtlinien“.
Anders als beim Weitsprung, wo man bequem nachmessen kann, wer den besten (=weiteste) Sprung gemacht hat, gibt es beim Bodybuilding eine an Richtlinien orientierte Wertung. Und diese ist niemals ganz frei vom persönlichen Geschmack.
Das gilt für das Line Up und die sogenannten Vergleiche als auch für die Kür.

Im klassischen Männer-Bodybuilding ist es leichter, aber gerade die neueren Klassen verlangen einiges auch von den zum Teil langjährigen Kampfrichtern ab.
Ich beschäftige mich quasi seit Tag 1 mit der Bikiniklasse. Und weiß doch nicht immer, wer gewinnen sollte und wer ggf. zu viel/zu hart ist. Gleiches gilt für die Figurklasse, die Frauen Physique und auch die Men’s Physique.
 
Und bitte glaubt mir: Es ist noch einmal etwas ganz anderes im Publikum zu sitzen und mit den Sitznachbarn zu fachsimpeln, wer denn Erster oder Zweiter wird als dort vorn am Tisch zu sitzen und binnen Sekunden zu entscheiden über „hop“ oder „top“ bzw. dabei jeden Platz vom 1. bis zum 15. nach bestem Wissen und Gewissen zu platzieren.
All das unter großem Zeitdruck, damit die Meisterschaften nicht zu lange werden für die Zuschauer und wartenden Athleten.

Die Wertung vor Ort

Die Wertung beginnt in dem Augenblick wenn die Athleten die Bühne betreten.
Und sie endet erst dann, wenn sie die Bühne verlassen.

Zitat Erich Janner:
„Es gewinnt der- oder diejenige mit den wenigsten Schwächen bzw. Fehlern“

Heißt: Welcher Athlet auf der Bühne ist derjenige mit den wenigsten Schwächen?
Perfekte Athleten gibt es höchst selten, daher schaut man auf das „Gesamtpaket“. Unter Berücksichtigung der Bewertungskriterien jeder einzelnen Klasse.
Deshalb siegt auch nicht immer derjenige mit der größten Härte (auch wenn alle immer darauf achten: Härte erscheint im Regelwerk nicht als alleiniges Wertungskriterium) oder der meisten Muskulatur, sondern oftmals derjenige mit dem besten Paket.

Dabei gibt es einige Faktoren, die den Gesamteindruck stören können:
Großflächige Tätowierungen z.B. machen es leider schwierig, die Muskulatur und Form richtig erkennen zu können.
Extreme Hautunreinheiten können zu einem Punktabzug führen, ebenso ein „Zuviel“ an Körperfett, übertriebene Grimassen, fehlerhaftes Einnehmen von Grundstellungen oder Grundposen oder unsportliches Verhalten.

Das System

Auch hierzu stehen einige Details in den Wettkampfregeln, wieder im Beispiel Bikini Fitness:

4. KAMPFGERICHT UND AUSWERTUNG
Das Kampfgericht kann aus 5, 7 oder 9 Kampfrichterinnen u. Kampfrichter bestehen.
Jede Teilnehmerin erhält gemäß den Bewertungskriterien pro Runde von den Kampfrichtern eine Platzziffer.
Für einen 1. Platz die Platzziffer 1, für einen 2. Platz die Platzziffer 2 usw.
Die höchste und niedrigste Platzziffer wird gestrichen (bei 9 Kampfrichtern die zwei höchsten- und niedrigsten Platzziffern) und die verbleibenden addiert. Die Teilnehmerin mit der niedrigsten Platzziffer ist Siegerin.

Das wollte ich mal etwas ausführlicher erklären:

Generell gibt es 2 (3) Wertungsrunden:

  1. Vorwahl; evtl. eine Eliminationsrunde bei mehr als 15 Startern
  2. Vergleiche im BB (zählt doppelt im Finale am Abend, 2/3) oder das Finale bei den Klassen ohne Kürvortrag 
  3. Kür (zählt 1/3)

Die Punkte aus der Vorwahl werden nicht mit ins Finale genommen, hier geht es einzig um den Einzug ins Finale. Trotzdem müssen alle Athleten gewertet werden. D.h. Ihr müsst direkt entscheiden wer Platz 6 und wer Platz 13 hat.
Je nach Klasse ist das einfacher oder schwerer.

Zurück zum Kampfgericht:
Auf einer regionalen Meisterschaft besteht es meistens aus 5 Kampfrichtern.
Von diesen 5 Kampfrichtern kommen 5 Wertungen.

Das ist relativ einfach:
Wenn der Kampfrichter einen Athleten auf Platz 1 sieht bekommt dieser Platzziffer 1.

Von allen Wertungen werden die Beste und die Schlechteste gestrichen (nach Vorgabe durch den Weltverband). In der Tabelle sind die Streichergebnisse gelb markiert.

Athlet 1: eine 1 und eine 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+1+2 = 5 Punkte.

Athlet 2: eine 1 und eine 2 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+1+1 = 4 Punkte.

Damit liegt Athlet 2 vorne. In diesem Fall wären 3 Punkte die „Idealpunktzahl“.
Auch wenn das nicht zwangsläufig heißt, dass ALLE Kampfrichter den Athleten auf 1 gesehen haben.

 

Auf der Deutschen Meisterschaft gibt es 9 Kampfrichter.

Bei den Deutschen bzw. Int. Deutschen Meisterschaften werden die Kampfrichter durchgewechselt. Zumeist wechseln die Kampfrichter, so dass nicht jeder alle Klassen wertet.
Kampfrichter eins wertet dann z.B. die Vorwahl Bikini 1, aber nicht unbedingt auch das Finale Bikini 1. Die Einteilung hierfür erfolgt erst kurz vor dem Wettkampf durch den Hauptkampfrichter bzw. Bundeskampfrichterreferenten.
Hierbei werden pro Bundesland nicht mehr als zwei Kampfrichter in einer Klasse eingesetzt, die natürlich dann auch nicht nebeneinander sitzen.

Bei 9 Kampfrichtern werden jeweils die zwei besten und die zwei schlechtesten Wertungen gestrichen:

Beispiel:

Athlet 1: eine 1, eine 2, und zwei 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 2+2+3+3+2 = 12 Punkte.

Athlet 2: zwei 1 und zwei 2 werden gestrichen.
Verbleiben: 1+1+1+1+1 = 5 Punkte.

Athlet 3: eine 1, eine 2 und zwei 3 werden gestrichen.
Verbleiben: 3+3+2+2+3 = 13 Punkte.

Damit liegt Athlet 2 vorne.
In diesem Fall mit der „Idealpunktzahl“ von 5 Punkte.

Manchmal passiert es, dass zwei Athleten die gleiche Punktzahl haben.
Dann entscheiden die jeweiligen Platzziffern:

Athlet 1: zwei 7 und zwei 9 werden gestrichen.
Verbleiben: 7+7+8+8+8 = 38 Punkte.

Athlet 2: eine 3, eine 5 und zwei 8 werden gestrichen.
Verbleiben: 8+8+8+7+7 = 38Punkte.

Bei Punktgleichstand entscheidet die Majorität der Kampfrichter.
D.h. sieht man sich alle Wertungen inklusive der gestrichenen Platzziffern im direkten Vergleich an, so erkennt man, dass Athlet 2 insgesamt bessere Platzierungen hatte als Athlet 1.
Daraus ergibt sich dann, dass Athlet 2 trotz Punktgleichstand vor Athlet 1 platziert wird im Gesamtergebnis der Klasse:

Athlet 1  –  Platz 8
Athlet 2  –  Platz 7

 

Allgemeine Gedanken

Da ihr nun das Wertesystem kennt werdet ihr auch erkennen, dass es damit nicht möglich ist, dass ein Coach im Kampfgericht seinen Athleten „bevorteilen“ kann.
Wenn er alleine Euch auf 1 sieht, wird diese Wertung gestrichen als bestes Ergebnis, regional als auch bei der DM.

Ein Pushen ist also durch die Streichregelung definitiv ausgeschlossen.
Die dazu notwendigen Absprachen zwischen Bekanntwerden der zu wertenden Klassen, evtl. „Mauscheleien mit anderen Kampfrichtern“ und dem Wettkampfbeginn sind absolut unrealistisch.

Durch die Regelung mit maximal zwei Kampfrichter pro Landesverband in einer Klasse kann auch der gelegentliche Vorhalt von „Landeswertungen“ entkräftet werden.

Die ersten Vergleiche laufen rein numerisch ab, danach werden diejenigen zum ersten Vergleich nach vorne gerufen, die aus dem Mittelmaß der Kampfrichterwünsche die meisten Stimmen haben. Auch hier gibt es keinen Spielraum für „Mauscheleien“.

Nach einigen Starts ist ein Athlet sicherlich „bekannter“. Ein mehrfacher Deutscher Meister oder gar Weltmeister wird aber auch dank seiner Bühnenerfahrung und dadurch bedingter starker Präsenz nicht „übersehen“.
Dennoch gilt für alle Athleten: Das Paket am Wettkampftag entscheidet. Nicht das vom Dezember 2014.

 

Generell bitte ich Euch den Blick dafür zu öffnen, was ein Kampfrichter eigentlich ist:

Jemand, der sich aus Liebe zum Sport ehrenamtlich in seiner Freizeit der schwierigen Aufgabe stellt Athleten innerhalb weniger Minuten zu bewerten.

Ich mache das ehrenamtlich, investiere aber auch jede Menge Zeit, Herzblut und mehr.
Und all das tue ich, um den Sport aktiv zu unterstützen.
Selber dabei mitzuwirken, dass die Richtlinien genauer werden, die Wertungen transparenter und auch für alle Beteiligten nachvollziehbar.
So funktioniert Ehrenamt – durch den Einsatz für den Sport, den wir lieben. Und ich bin stolz drauf.

Ohne Athleten gibt es keine Meisterschaften, aber ohne Kampfrichter gibt es ebenfalls keine Meisterschaften bzw. allgemein gesehen keinen Wettkampfsport.

 

Wenn Ihr noch Fragen habt stellt sie gerne.
Gemeinsam mit der Hilfe von Michael Enzo König versuche ich alles zu beantworten was dieses Thema angeht.
Ich werde dann hoffentlich ab 2017 als Kampfrichterin offiziell für den Landesverband Schleswig-Holstein werten dürfen.

 

Eure Nixe Sabrina