Der informative Blog, Teil 6 und Wunschthema: Wie geht mein Umfeld mit meiner Liebe zum Eisen um? (von Sabrina)

 

„Die Ausarbeitung eines kleinen Aufsatzes ist oft lehrreicher für den Verfasser, als die Lektüre eines dicken Buches.“

Gerhard Johann David von Scharnhorst

 

Manchmal ist dieser Blog wie ein Aufsatz. Wobei „klein“ immer relativ ist.
Man braucht eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss, darf den roten Faden nicht verlieren und ganz oft schreibe ich einfach viel zu lange Hauptteile. 😉

 

Heute ist es besonders so, denn ich schreibe zu einem Wunschthema.
Meistens, wenn ich zu einem festen Thema schreibe, fällt mir schon spontan sehr viel ein und es sprudelt nur so aus mir raus… über die Finger in die Tasten auf den Bildschirm.

Dass ich mich ausgerechnet bei diesem Thema etwas „schwerer“ tue war eine interessante Erfahrung für mich.

 

Via Facebook erreichte mich nach einem Aufruf dieses Thema:

Wie geht mein Umfeld damit um, dass ich jetzt ernsthafter Sport betreibe.

Ernsthafter im Sinne von gezielt trainiere, ernähre und vielleicht sogar eine Wettkampfteilnahme ins Auge fasse.

Passend dazu lieferte mir die Verfasserin noch gleich einige Beispiele aus ihrem persönlichen Umfeld.
Ich las ihre Nachricht, lehnte mich zurück und lies die Gedanken schweifen… wie war das eigentlich bei mir? …

Nachdenklich_Pro_60

 

Ich bin ja nun keine 18 mehr.
Aber ich war 18, als ich mit dem Sport angefangen habe.
Das ist also jetzt so…. hmmm…. 3 Monate her. 😉
Nur Spaß.
Streicht „3 Monate“ und ersetzt es durch „16 Jahre“… unglaublich. 😮

 

Ich versuchte mich also daran zu erinnern, wie es damals war.
Ich wohnte noch zuhause, das älteste von drei Geschwistern.
Ich glaub, meine Eltern waren nur so mittelmäßig begeistert von dem ganzen Gerede und dass ich fortan in einer „Muckibude“ meine gesamte Freizeit verbrachte.
Als ich dann mal Eiweißpulver mit heim brachte war was los, immerhin wusste keiner, was sich in dem komischen Beutel wirklich verbirgt (drauf schreiben können die ja viel).
Mittlerweile trainieren meine Eltern selber in der Muckibude von damals… 😉

Also, wenn ich aber ehrlich bin…. mir fällt jetzt nicht wirklich viel dazu ein.
Keine so negativen Erinnerungen an Reaktionen, dass ich sie noch im Kopf habe.

Ich bin dann kurze Zeit später mit meinem damaligen Freund zusammengezogen, der selber gepumpt hat. Der Freundeskreis bestand auch aus Sportlern.

Noch mal weiter überlegen…
Ne. Auch im Laufe der vergangenen Jahre habe ich Menschen hauptsächlich über den Sport oder beim Sport kennengelernt und sowieso nur wenig enge Freunde, die aber dann in der Überzahl meine Leidenschaft teilen.

Nun muss man dazu vielleicht auch sagen, dass ich ja (wie ihr alle wisst) mit meinem Essverhalten im Alltag lang nicht so extrem bin wie einige andere. Bei mir gibts keine Tuppers auf Partys oder Muttis 60. Geburtstag, außer ich bin auf Wettkampfdiät.

Aber auch in der Vorbereitung war ich mit einigen Freundinnen zum Feiern los, hab dann halt den Posten der Fahrerin übernommen (da kein Alkohol) und war hinterher sogar mit ihnen zu McDonalds, wo es für mich Cola light gab statt Burger.
Und doch… während der Vorbereitung, wo die Form immer besser wurde, war man bei der einen oder anderen Bekannten auf einmal der „Star“, sollte alle Details der Diät und des Trainings teilen und verraten… um dann hinterher fallengelassen zu werden… da ist sie dann doch, eine von wenigen negativen Erinnerungen.

Ist vielleicht eine Einstellungssache.
Oder ich hatte Glück mit dem Umfeld.
Vermutlich bin ich da auch reingewachsen über die Jahre.

 

Da ich selber also „gefühlt“ nicht so viel zum Thema beitragen kann habe ich mich mal im Bekanntenkreis umgehört.

Beispiel 1

Gestern war ich mal wieder mit Leslie trainieren (dazu mehr in einem zukünftigen Blog). Ich habe sie während des Trainings mal zum Thema befragt. Dazu muss man anmerken, dass Leslie aus einer tollen Familie kommt, ihre Mutter war 2012 mit uns gemeinsam zur iDM als Leslie ihren Gastauftritt hatte, ist selber Trainerin und einfach super cool, offen und locker drauf.
So ist Leslie natürlich auch aufgewachsen und hat damit eine sehr natürliche Haltung zum Thema Sport, sie tanzt ja „nebenbei“ auch noch auf nationalem Niveau mit ihrer Tanzgruppe „Young Supremes“.

Auf meine Frage stand da also erst mal nur ein Fragezeichen in ihrem Gesicht, da sie selber so locker mit demThema umgeht, dass es im Bekanntenkreis nur Akzeptanz gibt.
Sicherlich gibt es da mal den einen oder anderen, der ihr Fragen stellt zum Essen oder Training, aber Negtives hat sie bisher kaum erlebt.

Schlussfolgerung: Spiegelt sich die eigene Einstellung zum Thema im Feedback anderer wieder?

 

Beispiel 2

Eine andere Bekannte befragte ich via Facebook.
Sie selber ist noch nicht so lange am Eisen, war vorher jahrelang das „typische Cardiobunny“, verfolgt ihre Ziele mittlerweile aber ernsthaft. Langfristiges Ziel: Bühne.
Und siehe da: Hier gab es schon das eine oder andere Negativerlebnis im Zusammenhang mit dem Sport.
Der Entschluss, nicht mehr jedes Wochenende mit Feiern zu gehen führte zu hitzigen Diskussionen im Bekanntenkreis.
Sie würde es langsam übertreiben mit ihrem Gesundheitswahn, Feiern gehen sei auch mal gesund (Feiern gehen = Alkoholkonsum).
Eine andere Bekannte gab ihr quasi den Laufpass, weil sie bei gemeinsamen Essensverabredungen nicht mehr Nudeln sondern Salat bestellte (kein Witz).

Dazu muss man vielleicht anmerken, dass dieser Wandel gefühlt über Nacht vor sich ging und das Mädel sich gezielt ernährt aus Tupperdosen und sich mittlerweile wirklich alles um das Thema Wettkampf dreht.

Schlussfolgerung: Muss man dem Bekanntenkreis Zeit lassen, sich an das neue „Ich“ zu gewöhnen? Verlangen wir zu viel, wenn wir erwarten, dass alle 100% hinter uns stehen?

 

Beispiel 3

Sie ist ein richtiger Fan.
Kauft alle Zeitschriften, schwärmt für Kathrin Hollmann und Valeria Ammirato, hat einen Coach engagiert und will endlich auch so aussehen wie ihre Vorbilder.
Im Freundeskreis herrscht quasi „Entsetzen“ über ihr Engagement, gefolgt von völligem Unverständnis.
Sie war schon immer schlank, in den Augen vieler Freunde die absolute Bombe. Nun sieht man schon nach kurzer Zeit erste Muskelansätze, da Fett nie ihr Problem war, und die Jungs sind sich einig: „Das ist nicht mehr schön.“
Und ihre Freundinnen sind genervt davon, dass sie auf einmal an allen Diätversuchen rumkritisiert und können ihre Tipps nicht mehr hören (auch wenn sie vielleicht ahnen, dass sie recht haben könnte mit den Ausfallschritten…).

Nach kurzem Austausch mit ihr komme ich relativ rasch zu meiner

Schlussfolgerung: Verschrecken wir unsere Freunde, wenn wir 24/7 nur noch EIN Thema haben, nämlich unseren Sport? Nicht jeder hält Hanteln für die Rettung der Welt. Sollten wir uns mit dem „Missionieren“ zurückhalten?

 

Beispiel 4

Sie hat mit dem Sport angefangen, um abzunehmen. 25kg zu viel hatte sie auf den Rippen.
Alle Freunde und die Familie haben sie damals unterstützt, es war offensichtlich, dass sie zu viel wog und daran etwas ändern musste.
Und für 2-3x die Woche Kurse, Stepper oder Gerätezirkel bringen die Meisten auch Verständnis auf.
Das änderte sich, als sie mehr wollte und die 25 kg runter waren.
Der Sport machte ihr so viel Spaß, dass sie sich einen Plan geben lies und nun 5x die Woche an den Geräten und Hanteln trainiert. Es geht ihr sehr gut damit und sie ist auch weit davon entfernt auszusehen, wie eine Bodybuilderin. Trotzdem ist das auf einmal „zu viel“, die Familie macht sich Sorgen, ob das noch gesund ist und die Freunde schütteln auch mit dem Kopf. Allerdings nur hinter ihrem Rücken, sprechen ihren Partner darauf an, wie er das findet. Ihr gegenüber wird immer nett gelächelt und was von „tolles Durchhaltevermögen“ gesagt.

Hier fällt sie mir schwerer, die

 Schlussfolgerung: Wer sagt, dass 2-3x ok ist, 5x Sport die Woche aber unnormal? Warum ist Fußballtraining 3x die Woche plus Spiel am WE normal, Fitnessstudio aber ungesund?
Warum wird die Person nicht direkt angesprochen, sondern hinten rum?
Ist das Angst? Oder doch Neid?
Ist es nicht zu „einfach“ immer von Neid zu reden, sobald man vermeintlich negative Kommentare hört?
Wie der Vater, der bei der nächsten Erkältung sagt, das liegt daran, dass man nicht „ordentlich“ isst…

 

Beispiel 5

Sie ist eher die „ruhige Fraktion“.
Im Freundeskreis weiß man, dass sie Mitglied im Fitnessstudio ist, aber viel reden tut sie darüber nicht.
Auch in der Firma soll es keiner wissen, Negativimage Bodybuilding lässt grüßen, das passt nicht zu dem feinen Bürojob. Daheim bei der Familie sagt sie auch nichts, Mutti würde sich nur sorgen.
Den Wunsch von der Bühne hat sie lieber gleich ganz für sich behalten, das wird noch genug Gerede geben, wenn es soweit ist, darauf hat sie jetzt noch keine Lust.
Auch findet sie, dass es sich ja leicht verstecken lässt, wie viel Leidenschaft sie für das Eisen hat, denn ohne die passende Diät hat man als Frau selten ein Sixpack bzw. in dem frühen Trainingsstadium noch keine deutlich sichtbaren Muskelpakete. Trotzdem geht sie 6 Tage die Woche ins Training und gibt Gas für ihren Traum, den sie aber mit niemandem teilt.

Schlussfolgerung: Ist Verstecken wirklich die Lösung? Wenn man sich den Diskussionen entzieht, erledigt sich das Thema für die Freunde dann quasi „von alleine“ oder ist man nur zu feige, sich dem zu stellen?
Ist das dann nicht unfair sich selbst gegenüber? Nicht öffentlich zu seiner Liebe zu stehen?

 

Beispiel 6

Ihr Freundeskreis hat sich im Laufe der Zeit von selber reduziert und spätestens durch die Wettkampfteilnahme sind neue Freunde dazu gekommen, allesamt Sportler.
Ihrer Familie fällt es immer noch schwer zu verstehen, warum sie das tut. Das „Warum“ findet sie selber müßig zu erklären… wie erklärt man Leidenschaft für etwas, was der andere nicht fühlt?

In der Firma  hat sie eine Kollegin, die ständig öffentlicht / vor anderen Kollegen ihr Essverhalten kommentieren muss, jede Tupperdose wird beäugt und kommentiert. Selber ist die Kollegin hoch unzufrieden mit sich und ihrem Äußeren, das ändert aber nichts am Sprüchklopfen. Ganz im Gegenteil: Es kommt vermutlich genau davon.
Und doch nervt es das Mädel, sie macht einfach ihr Ding, findet damit aber keine Ruhe.

Schlussfolgerung: Auch wenn Du Dich nicht aufdrängst kannst Du das Pech haben, dass andere sich schon von Deiner bloßen Überzeugung genervt fühlen. Oder Du erinnerst sie nur daran, dass man sein Leben auch anders leben könnte – und das nervt sie dann.

 

Es gibt viele weitere Beispiele, aber ich denke das hier ist im Groben das, was wir alle erfahren haben.

 

Ich versuche mich mal an einer Zusammenfassung.

Ich denke, der Grat ist schmal.

Warum und wieso sich Freunde so oder so verhalten, kann man nur schwer erklären.
Die Meisten werden es nicht mal selber in Worte fassen können…

 

omgwtf

Allem voran sollten wir selber bedenken, dass es unsere Leidenschaft ist. Und nicht automatisch die aller in unserem Umfeld.
Wir sollten selber Verständnis für unsere Freunde und Familie haben.
Vielleicht lassen wir sie teilhaben an unserem neuen Ich, ohne sie selber überzeugen zu wollen. Ihr werdet schnell merken, wen es mehr interessiert und wen nicht.

Aber erwartet nicht zu viel: Nicht alle Freunde werden diesen Weg mit Euch gehen.
Seid nicht traurig, wenn einige Euch verlassen, weil sie Angst haben, nicht tolerieren können oder doch ein bisschen neidisch sind.
Ihr selber entwickelt euch gerade weiter und da bleibt ein Teil des alten Ichs auf der Strecke. So ist das Leben.

Und manchmal ist es auch besser, nicht zu viel von dem Thema zu reden. Ihr wollt vielleicht auch nicht wissen, warum Bayern München nun der absolute Top-Fußballverein ist.
Oder schlicht weil man nicht zum 100. Mal diskutieren möchte, ob die ausgewogene Bodybuildingernährung besser ist als Tiefkühlpizza oder nicht.

Lasst los: Alte Überzeugungen, alte Gewohnheiten, alte Freunde, wenn sie gehen wollen und auch den Gedanken, alle von Eurem Glück überzeugen zu können.

Übt Euch selber in Geduld und Verständnis, denn wenn ihr diesen Sport für Euch gewählt habt, dann wird er Euch ab sofort begleiten, das Eisen wird Euch unter die Haut gehen.

Und er wird vielleicht (Zitat des Freundes von einem befragten Mädel) „wie ein Sieb durch die Freunde fahren und einige werden ausgesiebt“, aber das ist dann ja eventuell gar nicht so schlecht.

 

…war das jetzt hilfreich?
Ich hoffe schon.
Ich habe nicht die letztendliche Antwort auf diese Frage, aber vielleicht hilft es schon zu wissen:

Ihr seid nicht allein.

Es gibt da draußen viele andere, denen es so geht wie Euch.
Wenn ihr sie findet, dann wisst ihr es und teilt dann fortan diese Leidenschaft (so ging es mir mit Aline und vielen anderen aus der Szene).

Denkt immer dran:

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