„Wird sich das auch alles auszahlen?“ (von Sabrina)

„Wird sich das auch alles auszahlen?“

Diesen Satz hörte ich neulich im Zusammenhang mit den Erwartungen und Hoffnungen an eine erste Wettkampfvorbereitung. Und er lässt mich nicht los seither.

Wieso entschließen sich Menschen, auf die Bodybuilding-Bühne zu gehen? Wochenlang Diät zu halten, die zum Ende hin meist sehr eintönig ist, hartes Training bis an die Grenzen und darüber hinaus, völlige Unfähigkeit am „normalen“ Sozialleben teilzunehmen weil man
a) zu kaputt,
b) zu fokussiert und
c) unleidig
geworden ist. Warum „tut“ Mensch sich das an?

Fange ich doch bei mir an: Warum habe ich mir das angetan?

Ich trainiere, seitdem ich 18 bin.
Training hat mir schon immer Spaß gemacht, ich mag da gern Vollgas geben und meine eigenen Grenzen neu ausloten. Der schwierige Teil war eher die Ernährung – ich esse zu gern (keine Neuigkeiten für meine Blogleserinnen und –leser).

Als ich anfing, da gab es keine Klasse für mich. Frauenbodybuilding schien mir unendlich weit weg. Klar habe ich genauso trainiert und fand die Poster im Studio von Anja Langer auch umwerfend, aber mich selber fand ich immer „zu wenig“ von der Muskulatur her. Dann wurde die Fitness-Leistungs-Klasse eingeführt. Das war schon spannender. Allerdings habe ich null akrobatischen/turnerischen Background und ich bin auch sowas von steif, einen Spagat krieg ich nicht mal in den kühnsten Träumen hin. Also war die neue Klasse mit den Anforderungen an die Kür nichts für mich.

Trotzdem habe ich weiter trainiert, bin auch weiterhin mit Freunden zu Meisterschaften gefahren und habe die Mädels bewundert. Und klar war ich auch neugierig, ob mein Training wohl auch so einen Körper zaubern konnte bzw. was schon da war. Spätestens als mein damaliger Partner selber startete und ich das hautnah miterlebt habe begann es auch in mir zu kribbeln. Aber ich habe mich klein reden lassen von anderen, habe meiner eigenen negativen inneren Stimme und diesen anderen Leuten geglaubt, dass ich nicht „das Zeug dazu habe“. Und habe den Traum vom Glitzerbikini on stage wieder in die untere Schublade getan.

Selbst als die Figurklasse eingeführt wurde – MEINE Klasse – habe ich diesen Traum nicht wieder rausgekramt, Auch nach Partnerwechsel und neuem Umfeld nicht.

Doch es gibt zwei Momente, zwei ganz wesentliche Augenblicke, die das alles geändert haben, 2009:

Der eine Moment war jener, in welchem ich eine erfolgreiche Athletin live im Studio erlebt und festgestellt habe, dass sie kein Übermensch oder perfektes Modell aus der Zeitung war, sondern ganz normal. Und als ich da so neben ihr stand habe ich gedacht: „Wenn sie das kann, dann kann ich das auch!“

Also kramte ich meinen Traum wieder aus der Schublade und fing an, nur für mich, mal etwas abzunehmen, mehr auf die Ernährung zu achten. Es daheim einmal laut auszusprechen (was für mich einen riesigen Schritt bedeutete).

Der zweite Moment war der erste Formcheck im Studio mit Olaf Peters, dem ersten Fachkundigen, der mich außer meinem Lebensgefährten im Bikini zu sehen bekam.

Und die Reaktion zaubert mir heut noch ein dickes Grinsen ins Gesicht. Denn sie trieb all die kleinen negativen Gedanken davon, klebte dem Neinsager in mir ein dickes Heftpflaster auf den Mund. Olaf war überzeugt von mir, von meiner Chance mich gut platzieren zu können. Das alles war mir damals nicht so wichtig. Klar, man macht das nicht um Letzter zu werden (und ich wurde Letzte bei meinem ersten Start), aber mir ging es in erster Linie um das „Machen“, darum es mir selber und den ganzen anderen Nein-Sagern da draußen zu beweisen.

Es waren spannende Wochen, harte Wochen. Trainingssessions mit Weinen vor Erschöpfung und Bestleistungen trotz Diät. Es gab zum Ende hin Momente, wo ich mich 10 Min. selber motivieren musste um von der Couch aufzustehen und zur Toilette zu gehen. Und tolle Momente, wie das erste Mal eine Ader auf der Schulter zu sehen, das erste Mal mein Sixpack zu sehen oder überhaupt zu erkennen, dass ich eine gute Körperstruktur habe unter all den Kurven, die ich sonst mit sich herumtrage. 😉

 

Zurück zum Anfangsgedanken: „Wird sich das auch alles auszahlen?“

Ich sage: „Es kommt darauf an!“

Auf Deine eigenen Erwartungen an die Vorbereitung.
Definiere „auszahlen“.
In finanzieller Hinsicht zahlt sich da gar nichts aus. Im Profibodybuilding auf den Top3-Plätzen beim Top-Wettkampf vielleicht. Ansonsten zahlt man nur drauf. Gutes Essen ist auf Dauer doch etwas teurer als Tiefkühlpizza. Dazu die guten Supplemente (ich selber bin z.B. extrem wählerisch mit meinem Eiweiß). Und von den Kosten für Haare, Makeup, Nägel, Farbe, Schuhe, 2. + 3. Paar Schuhe, weil Frau sich nicht entscheiden kann, Bikini und 2. Bikini für die Vorwahl und dann noch der endlose Glitzer für den Bikini (selbst ich, die das ja nun immer selber macht, hab da ordentlich Geld gelassen für Unmengen an Strass – weil ich es so gerne wollte).

Zahlt es sich aus in sportlicher Sicht?

Das kommt darauf an. Man lernt viel über seinen Körper, wie er funktioniert. Die meisten essen das erste Mal wirklich nach Plan und merken, dass sie vorher scheinbar doch viel falsch gemacht haben. Ich hasse Cardio – auch in der Diät, aber ich liebe Plyometrics und so habe ich das für mich genutzt. Es ist auch toll zu sehen, was sich alles tut und verändert, am Ende wirklich mal zu sehen was „darunter“ ist, was man sonst versteckt mit sich herumträgt. Natürlich wird das nicht jedem gefallen. Aber man ist so auf sich fokussiert, dass das egal ist.

Und der Wettkampf?
Über die Platzierungen entscheidet ein Kampfgericht. Als Athlet und auch als Coach hat man ja einen bestimmten Look im Kopf, den man anstrebt. Und natürlich gibt es Wettkampfregeln, an die man sich hält – von Verband zu Verband verschieden. Aber was dann letztlich gerichtet wird am Tag X, das hängt von so vielen Faktoren ab. Seid nicht enttäuscht, wenn ihr nicht gleich Deutsche Meisterin werdet. Das schaffen die wenigsten im ersten Anlauf. Klar möchte niemand Letzte werden – aber auch das überlebt man. 😉 Ich wurde platziert, war im Nachhinein zufrieden mit den Plätzen – aber nicht mit meiner Form. Aber an der kann man ja weiter arbeiten.
Zahlt es sich aus in emotionaler Hinsicht?

Das muss man von zwei Seiten betrachten.
Die eine Seite ist das Zwischenmenschliche. Ich habe „Freundinnen“ durch die Diät verloren, weil sie es nicht verstanden haben, mich nicht unterstützt bzw. dauerhaft boykottiert haben, neidisch waren. Ich habe bei anderen festgestellt, wie sehr sie hinter mir stehen. Man lernt also viel über Menschen im Umfeld.
Auch in der Partnerschaft gibt es zwei Seiten. Der Partner hat entweder Verständnis und unterstützt einen im Idealfall (meinem Fall) oder auch er zeigt eine negative Haltung und man findet sich zusätzlich zum Diätstress auch noch im Beziehungsstress wieder (im Freundeskreis erlebt, mehr als einmal).
Die andere Seite ist man selber. Diese Diät macht einen entweder nur müde und kaputt, oder zickig. Ich habe beides erlebt. In meiner ersten Diät war ich eigentlich nur glücklich, dass ich diesen Traum endlich wahrmachte – dazu dann halt dauerkaputt. In der zweiten Diät kamen diverse äußere Faktoren hinzu und ich war eine ganz schöne Zicke.
Leider muss das dann in den meisten Fällen der Partner aushalten. Klar ist jeder Athlet dankbar, aber nicht immer kann man das zeigen (*Randnotiz: Sagt Eurem Schatz ruhig öfter, dass ihr dankbar seid!!).

Was die emotionale Ebene mit mir selber angeht habe ich wirklich viel über mich gelernt.
Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Diät.
Dinge wie:
-was ist mir wichtig
-was ist mir wirklich wichtig
-was will ich im Leben und
-was will ich nicht
Man muss sich mit alten Verhaltensmustern auseinandersetzen.
Man lernt Prioritäten zu setzen und auch etwas durchzuziehen, bis zum Ende.
Man lernt beißen und weitermachen, nicht aufzugeben.
Man lernt, dass eine Tafel Schokolade in 10 Sekunden inhaliert werden kann, man sich hinterher aber nur schlecht fühlt.

Was es mir wirklich gegeben hat ist Stolz.
Ich habe mir einen Traum erfüllt. Ich habe es allen gezeigt, die an mir gezweifelt haben – sogar zweimal mittlerweile.
Ich habe mein Talent entdeckt und freue mich sehr darüber, dass ich diese Sache, die ich liebe, auch noch gut kann.
Ich mag es auf der Bühne zu stehen, muss da nicht künstlich grinsen weil ich happy bin.
Ich mag den Weg dorthin. Vielleicht nicht jeden Augenblick, aber den Großteil der Momente.
Ich mag es wie sich mein Körper verändert. Ich mag die Reise dorthin, der Weg war für mich das Ziel – wortwörtlich.
Mag es wie Wochen der Arbeit in 2 Minuten auf der Bühne gipfeln.
Mag das Gefühl backstage mit den Mädels, abklatschen wenn man runtergegangen ist.
Das Herzklopfen beim Blick auf die Finalliste. Das Hoffen auf die Platzierung.
Mag die Freundschaften, die entstehen. Mag das Klassentreffengefühl jedes halbe Jahr auf den Meisterschaften.

 

Also: „Wird sich das auch alles auszahlen?“
meine höchstpersönliche Antwort lautet: „JA!“

Du kannst alles schaffen, wenn Du es willst. – Du musst es aber tun!

 

und das Wichtigste, das ALLERWICHTIGSTE, was ich allen mitgebe, die mich um Rat fragen:

„Hab Spaß dabei!“

 

 

Aber denkt jetzt nicht, dass das alles mit dem Augenblick auf der Bühne vorbei ist. Eigentlich geht es direkt danach weiter. Leider auch mit den nicht so tollen Seiten – aber dazu mehr in einem anderen Blog.