Arroganz? (von Sabrina)

„Der stärkste Trieb in der menschlichen Natur ist der Wunsch, bedeutend zu sein.“
John Dewey

 

Vorletztes Wochenende war die internationale Deutsche Meisterschaft des DBFV in Bochum.
Die Szene ist klein, überschaubar, man trifft meistens die gleichen Menschen auf diesen Wettkämpfen – und auf die meisten freue ich mich jedes Mal sehr, uns verbindet viel.
Wir alle haben eine Leidenschaft, die fürs Eisen. Gar nicht zwingend für Bodybuilding-Wettkämpfe, aber „pumpen“ mögen wir alle.

Vor Ort war ich hauptsächlich als „Sternchen“ für das Team-Andro unterwegs für Interviews und Berichterstattung.
Dabei ist mir eins dieses Mal sehr bewusst geworden: Ich mache das jetzt seit 2 Jahren und auf einmal kennt Dich jeder. Mich grüßen Leute, die ich bei Facebook in der Freundesliste aber noch nie zuvor live gesehen habe, mich sprechen Leute im Fahrstuhl an, die ich wegen Wettkampfform und Farbe kaum erkenne.
Kaum einer weiß, dass ich Sabrina heiße, aber das ist ok: ich bin das Sternchen.
Und das bin ich gerne. Es ist mein Internet-Alter Ego. Mit diesem stehe ich dann vor der Kamera und versuche mir nicht zuviele Gedanken über die obligatorischen negative Kommentare zu machen. Und mit diesem bin ich sehr aktiv, bei Facebook und Team-Andro, die Leute kennen mein Gesicht, ich bin für sie real.

Gerade bei Facebook, aber auch im örtlichen Fitnessstudio fällt mir dabei immer öfter etwas auf bzw. ich höre es in Gesprächen mit anderen Athleten: Es gibt „Fans“. Fans der Szene, Fans von muskulösen Körpern, Amateurathleten, Fans die ein Teil des Ganzen sein wollen.

Wer von uns kennt sie nicht, das sind die Leute die immer alle Zeitungen gelesen haben und alles wissen, jedenfalls reden sie ohne Pause. Aber es gibt auch andere, die stillen Fans.

Gerade in Wettkampfdiät, wo man dünnhäutig ist, nervt sowas gern mal – ich habe mir in der letzten Diät überdimensional große weiße Kopfhörer gekauft um in Ruhe trainieren zu können (ohne jemanden zu fressen).

Aber jetzt, wo ich nicht mehr auf Diät bin und mal genau hinhöre, wie andere über diese „Fans“ denken, habe ich mir so meine Gedanken dazu gemacht.

Diese Leute wollen gerne dazu gehören.
Aber wozu eigentlich?
Zum Kreis der Starter, zur vermeintlichen „Elite“ des Bodybuildings, zum harten Kern der Szene in Deutschland.
Und wir haben viele Newcomer gesehen diesen Herbst, Männer und Frauen. Immer mehr trauen sich diesen Schritt zu wagen – oder auch nur eine Meisterschaft zu besuchen.
Ich für meinen Teil hatte sehr großes Glück. Gleich mein erstes Studio war ein Wettkampfstudio, der Inhaber selber Starter. Dort bin ich mit 18 reingelaufen, hab ihm gesagt „ich will Bodybuilding machen“ und er hat mich lächelnd empfangen mit „Na das wollen wir mal schauen, aber komm erst mal rein“. Herrlich. Dafür bin ich Hansi jetzt noch dankbar. 😉

 

So hatte ich aber den Vorteil, dass ich gleich in der Szene drin war. Es ging unmittelbar zum ersten Wettkampf gleich mit, es gab Starter im Studio, alles ging sehr familiär zu und ich wurde auch von allen freundlich an die Hand genommen. Dieses Glück hat nicht jeder – die großen Ketten interessiert sich für Gewinn und nicht für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder.

Jahre später, nach diversen Umzügen und Studiowechseln, stand ich bei meinem Traumstudio nach fünf herrlichen Jahren auf einmal vor verschlossener Tür: Aus, vorbei, dicht wegen Insolvenz.

Und ich habe ernsthaft geweint.
Geweint um die vielen guten Stunden, die Studio-Familie und mein 2. Wohnzimmer.

Man merkt plötzlich was es heißt heimatlos zu sein.
Und natürlich will man weiter da trainieren, wo es „Szene“ gibt. Und dann merkt man auf einmal: WIR sind die Szene.
Denn egal wo meine bessere Hälfte und ich hin kamen, wir waren auf einmal „die Szene“, Ansprechpartner, und ich habe zum ersten Mal gemerkt, dass es diese „Fans“ gibt.

Ich versuche immer freundlich und höflich zu sein, halte mich selber für hilfsbereit. Aber auch ich habe schon manches Mal über so manche Frage innerlich gestöhnt.
Und aus den Gespräche mit anderen weiß ich: Andere stöhnen sogar laut…

Aber ist diese Arroganz nicht gefährlich?
Warum aber sind so viele Athleten genervt von diesen Fans?
Sind wir denn was Besseres, nur weil wir schon einen Pokal daheim haben?  Wen interessiert dieser Pokal denn wirklich? Hat er uns zu einem anderen Menschen gemacht?  Haben wir alle schlicht vergessen, wie es damals war? Als wir mit dem Sport angefangen haben?
Wurden wir damals nicht mit offenen Armen aufgenommen in die Bodybuilding-Familie?

Zu mir war die „Szene“ immer offen und nett. Natürlich gibt es überall im Leben immer auch Menschen, die man nicht so mag, aber wie schon geschrieben: Es ist jedes Mal wie Klassentreffen, wenn wir uns halbjährlich alle sehen…

Deshalb werde ich auf künftig versuchen es so zu halten.
Werde für Fragen offen sein und bin mir auch nicht zu schade dem 20. Mädel zu erzählen, wo es die besten Schuhe gibt… 😉
Ganz im Gegenteil – gemeinsam mit Aline habe ich schon einen Workshop zum Thema gemacht und habe bei Facebook eine Gruppe für diese Fragen ins Leben gerufen:  Bikinibörse

 

Denn damals gab es eine, die mich so behandelt hat, und andere, die so offen zu mir waren. Und deshalb bin ich jetzt da wo ich bin.
Und wenn ich ganz am Ende nur einem Mädchen, nur einem Jungen weiterhelfen kann, seinen Traum zu leben, sie oder ihn sehen kann auf der Bühne oder glücklich im Studio, dann kann ich doch nebenbei auch noch sicher sein, dass das alles aufs Karmakonto geht.

 

Wie also kann das verkehrt sein?

…denkt mal drüber nach.