Der informative Blog, Teil 7a: Das schwarze Loch oder: Was erwartet mich nach dem Wettkampf (von Sabrina)

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Mit Wunschthemen für den Blog habe ich mich schon immer schwer getan. Das ist wie damals, in der Schule, Klassenarbeit.

 

Wenn man schreiben kann, was man gerade fühlt oder denkt, dann fließen einem/mir die Worte nur so aus den Fingern.

Und gerade über dieses Thema hätte ich schon ganze Romane schreiben können. Ich habe es aber nie getan.

 

Warum? Weil es eine sehr private Sache ist, man wirklich die tiefsten Tiefen von sich preis gibt, auch wenn die Einleitung lauten muss:

 

Du bist nicht allein!

 

Nach meinem Aufruf zum Wunschthema erhielt ich viele Nachrichten, auch privat. Das Wort „Depression“ wurde mehr als einmal genannt. Ich habe viele Tage darüber nachgedacht, wie ich das Thema „Nach dem Wettkampf‘ angehen sollte. Aber Depression möchte ich dabei nicht verwenden, sondern eher „in ein Loch fallen“…in ein schwarzes Loch.

Wie es dazu kommt, warum wir uns vielleicht das aller erste Mal in unserem Leben „hilflos“ und „verstimmt“ fühlen und was man dagegen tun kann, darum geht es in diesem zwei-teiligen Blog. Und darum, wie es mir ergangen ist.

 

 

Es war Samstag, der 08.05.2010.
Tag X2.

Über Wochen, ja Monate, hatte ich mich auf diesen Tag vorbereitet, auf diesen Augenblick auf der Bühne. Seit Jahren schon verfolgte ich insgeheim das Ziel, irgendwann mal da oben zu stehen. Nun also war es soweit.

Ich hatte in den 16 Wochen Diät alles gegeben, was ich konnte. Mehr Herzblut und Schweiß ging nicht. Ausfallschritt, Plyometrics, Cardio, Huhn und noch mehr Huhn. Schlafen, Essen, Atmen für Tag X.

Und was das für eine Reise war. Über die „das kannst Du nicht“s meines Lebens und die generell vorhandenen Selbstzweifel hinweg habe ich das allererste Mal allen Mut zusammen genommen und: Einfach gemacht. Und es funktionierte.

4 weeks

 

So war es auch. Im Studio war ich ja schon immer sehr aktiv, mein Schwachpunkt war seit jeher das Essen. Aber mit Beginn der offiziellen Wettkampfdiät war ein Schalter umgelegt im Kopf und ich war 100% im Plan, den ich mir selber geschrieben hatte. Logo hatte Jörni da mal drauf geschaut und mir im Verlauf der Diät mehr und mehr Tipps gegeben, aber zunächst war es mein ganz eigenes Ding.

Und dann ging es los, dass man die ersten Veränderungen im Spiegel sah. Und nicht nur ich sah sie- auch die anderen Studiomitglieder und Freunde sahen sie. Man bekam Komplimente, mehr Komplimente. „Endlich würde man etwas abspecken“ (Achtung! Verstecktes Kompliment!), .. Wahnsinn, wie machst Du das“ usw. Zwischendurch nervte das auch mal, die sich häufenden „Besserwisser“-Kommentare und die x-te Frage nach der Diät für die Freundin.
Ja, aber auch wenn es nervte- ein klitze-klein-wenig sonnte man sich auch in der Aufmerksamkeit. 😉

Man fühlte sich auf Wolke 7 und es wurde von Woche zu Woche besser.

Die Klamotten wurden immer weiter, man ging mit den Mädels Shoppen und kaufte sich die vorher unerreichbare 36iger oder 34iger Hose.

 

Dann also war Tag X. Dicht gefolgt von Tag X2 (Deutsche Meisterschaft). Tag X2 markierte das Ende der Wettkampfsaison.

ln meinem Fall erreichte ich bei meiner allerersten Deutschen Meisterschaft einen für mich völlig überraschenden 5. Platz- überhaupt im Finale zu stehen brachte mich auf Wolke 700.

Nach der Vorwahl gab es eine Trulla, die behauptete sie hätte Final-Listen gesehen, wo mein Name nicht drauf stand. Also habe ich mir einige Kekse gegönnt.

Wenn man noch nie eine Wettkampfdiät gemacht hat, dann kann man sich nicht vorstellen, WIE LECKER ein Keks schmecken kann.

Aber das war erst der Anfang. Nach dem Finale, Pokalübergabe, wartete das „Fresspaket“ backstage.
Jeder Athlet sammelt im Laufe der Vorbereitung all die Süßigkeiten oder Dinge an, die er nicht essen darf, auf die er aber WAHNSINNIGE LUST HAT.

Ich weiß von anderen, dass es durchaus ganzen Wäschekörben voll sind, man verliert schnell die Relationen.
Bei mir war es relativ überschaubar: Salziges (=Chips), ein weißer Lindt-Osterhase, der dann noch bis Weihnachten stand und das Übliche: Schoki, Gummibären, Kekse.

Direkt im Anschluss ging es im hautengen extra hierfür gekauften Dress zum Bankett, wo man das erste Mal seit Wochen das Fleisch links liegen lässt und sich den Teller nur mit Beilagen und Dessert vorlädt.

Relativ schnell ist man pappsatt, aber nur zur Sicherheit kippt man da noch 2 Portionen Eis drauf. Und da passt ja auch eine Menge rein, in diesen ausgemergelten Körper.

Am nächsten Morgen wacht man auf und sieht fast besser aus als auf der Bühne. Unglaublich. Adern überall und man fühlt sich hervorragend. Also weiter zum Frühstück- Nutella marsch. Dazu Croissants und Marmelade, Saft oder Müsli.

Und dann geht’s für die meisten heim. Auf dem Weg noch mal kurz zu McDonalds, noch 2x Zwischenstop an der Tanke für mehr Schoki und dann abends daheim schön Essen gehen mit den Lieben, den Pokal und sich selber feiern. Man lebt ja nur einmal.

 

Am Montagmorgen musste ich wieder zur Arbeit. Ich hatte den Sonntagabend nicht aufhören können mit Essen und die Nacht mit Herzrasen und völlig verschwitzt im Bett verbracht (Carbs sei dank), 3x Tshirt wechseln weil nass inklusive.
Und so sollte es bleiben, die nächsten Wochen – durchgeschwitzte Nächte voller Herzrasen.

Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich dem lieblichen Geruch des Bäckers nicht widerstehen und es begann eine meiner schlimmsten Hasslieben: Das Franzbrötchen & ich.

Franzbrötchen-Hamburger-Spezialität

 

Wer es nicht kennt, es handelt sich hierbei um ein Hamburger Original, eine Spezialität, muss unbedingt vor Ort probiert werden. Es ist ein süßes Feingebäck aus Plunderteig, das mit Zucker und Zimt gefüllt ist. Die besten gibt es meiner Meinung nach beim Schanzenbäcker.

1 -2 dieser kleinen süßen Biester gehörte fortan täglich (!) auf meinen Speiseplan, quasi oben drauf.
Ich konnte einfach nicht aufhören zu Essen.

Ich war offiziell in der Hölle.

Bereits am Dienstag tat mir alles weh. Ich hatte so viel Wasser im Körper, dass ich Angst um eine Fesseln hatte, kaum in Schuhe passte, von meinen Ringen ganz zu schweigen. Elefantenfuß.

Aber ich konnte noch immer nicht aufhören. Es war wie „Kopf aus, Mund auf, GO!“. Ferngesteuert, widerlich.

Innerhalb von weniger Tage legte ich Kilo um Kilo zu und war ganz schnell wieder jenseits der Grenze, die ich mir gesetzt hatte als „nach-dem-Wettkampf-Gewicht“.

Die Klamotten passten nicht mehr, ich fühlte mich ekelig. Und im Studio gab es entsetzte Gesichter.

Die ersten Tage hatte ich mir „trainingsfrei“ gegönnt. Schlechte Idee bei der ganzen Energie, die ich damals in mich rein schaufelte.

Hinter meinem Rücken wurde das Gerede lauter, auch im Freundeskreis. Andere urteilten sehr hart mit mir. Da wurde man auf einer Party jemandem vorgestellt und dann hieß es „Ach bist Du nicht die Bodybuilderin? Wo ist denn Dein Sixpack?“
Und dabei ist es ganz offensichtlich, dass man eben nicht das ganze Jahr den Bühnenlook haben kann und dennoch fühlen wir uns schon mit wenigen Gramm mehr ab sofort fett.
Selbst zu den Momenten, wo ich noch nicht „völlig“ aus dem Ruder gelaufen war mit meiner Figur musste ich mich quasi rechtfertigen für jedes Gramm, warum und wieso, „Offseason-Aha, Ausrede-Gesichtsausdrücke“ ertragen.

„Wozu hast Du dich denn ein halbes Jahr gequält wenn da jetzt schon wieder alles weg ist? Das ist doch ein Mistsport. Hier, willst Du noch ein Stück Torte?“ kam von der zu dem Zeitpunkt engen Freundin…

„Wolltest Du wieder so dick werden?“ brachte das Fass dann zum überlaufen.
Ich ging GAR NICHT mehr zum Sport.

Verkroch‘ mich stattdessen daheim und tröstete mich- wie ich es schon als Teenager gelernt hatte – mit Essen.
Auch als die Verkäuferin beim Bäcker mich morgens bei meiner Bestellung fragte, ob ich nicht direkt 2 Franzbrötchen mitnehmen wolle anstatt des einen bestellten konnte ich nicht aufhören.

 

Zu all diesem Elend kamen unendlich viele Fragen:

  • Warum nur tat ich mir das selber an?
  • Warum konnte ich nicht einfach wieder „nach Plan“ essen? Es ging doch vorher monatelang?
  • Wo war meine Disziplin hin?
  • Und wo meine gute Figur?
  • Wer war ich denn nun, wenn nicht mehr die topfite Wettkampfathletin?
  • Was sollte ich jetzt nur machen?

 

Innerhalb von wenigen Wochen hatte ich rund 15 kg zugenommen.

Was das für mein Herz und meinen Körper bedeutete war eindeutig – es ging mir weder mental noch körperlich gut. Die Haut spannte und man sah auch nichts mehr von den schönen Muskeln, die ich noch kurz zuvor eingeölt auf der Bühne präsentiert hatte. Es war, als hätte ich mir ein „Fat-Suit“ angezogen.

Ich hatte keinen Spaß mehr am Sport.
Ich hatte eigentlich an gar nichts mehr Spaß.
Noch schlimmer als das alles: Ich fühlte mich haltlos, ziellos, wusste nichts mit mir anzufangen.

Wo vorher stundenlanges kochen, vorbereiten, Cardio, Training auf dem Zettel stand war jetzt GÄHNENDE Leere.

Ich hatte alle Freizeit der Welt und verbrachte sie doch kopfüber im Kühlschrank.

Es war ein Teufelskreis.

Was sollten die Leute nur von mir denken? Die im Studio und die auf den Meisterschaften? Wo war die schlanke, athletische Sabrina hin, voller Ehrgeiz und Disziplin? Nun war ich wieder fett und faul – oder wie?
Ich hatte sehr große Probleme damit. Fühlte mich minderwertiger als jemals zuvor in meinem Leben.

Leider kannte ich zu dem Zeitpunkt niemanden, dem es ähnlich gegangen war. Die Athleten, die ich kannte, lebten alle irgendwie diszipliniert weiter. Oder lag es nur daran, dass man es bei Jungs nicht so merkte, wenn sie mehr auf den Rippen haben? Ich sah jedenfalls nicht aus wie eine gerade noch aktive Figur-Athletin. Alles: weg.

Ich hatte mir keinen Plan gemacht, ich hatte mir nicht mal GEDANKEN gemacht, was nach Tag X kommen würde. Irgendwie dachte ich, es würde so weitergehen. Mit dem guten Essen bzw. die Figur einfach bleiben, wenn ich mal was nasche.

Man glaubt nicht, dass daran schon einige Tage zügelloses Essen etwas ändern können. Und Fakt ist auch, das Fett kommt nicht über Nacht wieder – am Anfang ist es nur viel Wasser.

Und natürlich ändert sich der Blickwinkel im Laufe der Diät. Man fühlt sich von Tag zu Tag besser und irgendwann ist der Punkt, wo nur noch kurz vorm Tag X als Idealform gilt. Alles was schlechter ist, ist nicht nur schlechter sondern gleich grottenschlecht

Selbst eine Form, für die ich heute töten würde, war damals nicht akzeptabel. Ich erinnere mich an eine andere Episode, wenige Tage nach meiner 2. Deutschen war ich mit Aline im Urlaub auf Malle und ich wollte nicht im Bikini an den Strand gehen, weil ich mich „fett“ fühlte … und ich hatte zu dem Zeitpunkt noch Sixpack und Streifen … nun ja.

 

Heute kann ich über vieles davon Lachen, aber damals habe ich mich nur verkrochen und wollte meine Ruhe. Ich war nie zuvor in meinem Leben depressiv, aber nur wenige Wochen nach meinem persönlichen mentalen und sportlichen Formhöhepunkt fühlte ich mich so hilflos wie noch nie. Völlig ohne Kontrolle über mein Leben, traurig und schuldig. Schuldig, weil ich das alles zu gelassen hatte. Auf einmal bestimmte mein Körperfettwert mein Selbstwertgefühl.

 

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Nach einigen Wochen schleppte ich mich doch wieder zum Sport und schottete mich gegen die mitleidigen Blicke ab.
Vorbei war das Generve – und ich habe es vermisst! Es fiel mir nicht leicht, wieder in eine Trainingsroutine zu finden. Ich hatte irgendwie keinen Spaß mehr am Eisen.

Vorher ging es in jedem Training, jedem Satz, jeder einzelnen Wiederholung um Tag X. Und jetzt? Wofür mache ich das eigentlich alles? Es fällt schwer, ohne ein derartiges Ziel noch richtig Gas zu geben. Viele Athleten setzen sich daher direkt das nächste Ziel und den nächsten Start, bei mir war das zum damaligen Zeitpunkt aber gar nicht im Kopf. Dementsprechend motivationslos war ich im Training und blieb auch in der Folgezeit oft wochenlang lieber daheim als zum Training zu gehen.

Und dazu kam die Erkenntnis, dass ich wohl nie wieder „normal“ sein würde, mich „normal“ fühlen / oder „normal“ ernähren würde. Denn was ist schon normal? Jeden Morgen mit Brötchen frühstücken? Oder Essen ohne nachzudenken ob mein Proteinlevel für den Tag schon erreicht ist? Essen ohne schlechtes Gewissen?

Schwieriges Thema und sicherlich für mich das Hauptthema. Wer wie ich schon vorher gern mal Probleme damit hatte, dem kann ich sagen: Besser wird es durch eine Wettkampfdiät nicht. Man macht sich im Gegenteil hinterher noch verrückter. Lange Phasen hatte ich mich Fressattacken zu kämpfen, die auf strikte Diätpläne folgten. Aber zumindest ICH konnte nicht wieder auf WK-Diät-Ernährung umschalten, jedenfalls nicht länger als einige Tage bevor ich einen tagelangen Fressflash hatte.

Das Gewicht pendelte sich auf einem deutlich höheren Niveau ein als jemals zuvor in meinem Leben. Sicherlich ist das auch etwas Muskulatur geschuldet, ganz bestimmt aber dem unkontrollierten Essverhalten.

Lange Phase wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass mir jemand diese Entscheidung – zu Starten – ausgeredet hätte. Ich wollte einfach wieder wie vorher sein. Da fand ich mich zwar auch nicht „perfekt“ aber es ging mir mental und körperlich deutlich besser als zum Zeitpunkt nach dem Start.

 

Und es dauerte eine ganze Weile, bis ich die Franzbrötchen und mein Verhalten „satt“ hatte. Eine ganze Weile sind in meinem Fall viele Monate. Ich musste erst für mich erkennen, dass ich beides bin. Alles zu seiner Zeit.

Und mittlerweile bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Ich bereue es nicht mehr. Die Schattenseiten haben mich gestärkt und ich kann jetzt offen mit Euch darüber sprechen und vielleicht der einen oder anderen mit meinen Negativ-Erfahrungen helfen.

 

Nach alle dem schließt sich der Kreis wieder zum

„Du bist nicht allein! „

Viele Mädels (und Jungs) verstecken sich und trauen sich nicht, offen über die Probleme zu sprechen. Dabei ist das Loch, in das sie fallen, bereits gut gefüllt mit anderen. Man darf es nicht unterschätzen, was der Kopf und auch unser Körper/die Hormone mit uns machen nach so einer Hardcore-Diät-Erfahrung. Der Stoffwechsel leidet leider auch auf kurz oder lang durch die strikte Reduzierung der Nahrungsmengen und -mittel. Das oftmals hohe Cardiovolumen tut sein Übriges.

Alles ist durcheinander.

 

Dieser Sport ist verdammt egoistisch. Ich schrieb es schon mehr als einmal. In der Diät ging es nur um Euch, man stand im absoluten Mittelpunkt. Direkt von der Bühne stürzt man quasi zurück in die Realität. Man ist wieder eine von vielen, die Beachtung und Komplimente fehlen, andere sind auf einmal wichtiger und man muss auch wieder im Haushalt mit anpacken und Schatzi will jetzt auch wieder mehr Aufmerksamkeit. Zeit die Diva wegzupacken. Aber dabei stolpert man halt leicht über das Snickers. 😉

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Im 2. Teil dieses Blogs werde ich Euch einige Tipps geben, wie ihr es vielleicht schafft, das Loch zu umgehen oder zumindest Euch nicht die Knie aufzuschürfen, wenn ihr da rein schliddert.

Teil 2

 

Eure Nixe Sabrina

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